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Warum kann ich nicht abschalten, obwohl alles in Ordnung ist

Wenn der Abend still ist, aber dein Kopf weiterläuft: kein Versagen, sondern ein Nervensystem, das Wachsamkeit zur Normalität gemacht hat.

2. Juli 2026 7 Min. Lesezeit

Dein System hat nie gelernt, dass es jetzt aufhören darf.

Es ist Abend, die Wohnung ist still, und eigentlich wäre jetzt der Moment, in dem du dich fallen lassen könntest: die Aufgaben sind erledigt, niemand will mehr etwas von dir, das Licht ist gedimmt, und trotzdem sitzt da dieses leise Surren in dir, das nicht aufhört, ein Motor, der weiterläuft, obwohl der Schlüssel längst herumgedreht wurde, und du fragst dich, fast ein bisschen ärgerlich auf dich selbst, warum du nicht einfach abschalten kannst, wo doch alles in Ordnung ist.

Und genau das ist der Punkt, an dem ich gern kurz innehalten würde, denn die Frage, die du dir stellst, trägt schon eine versteckte Annahme in sich, nämlich die, dass dein Nicht-abschalten-Können ein Fehler ist, ein Versäumnis, etwas, das du eigentlich besser hinbekommen müsstest, und ich kann verstehen, warum sich das so anfühlt, aber ich möchte dir eine andere Sichtweise daneben legen, eine, die dich vielleicht ein wenig entlastet.

Dein Nervensystem unterscheidet nämlich nicht zwischen einem objektiv ruhigen Abend und einem inneren Zustand von Ruhe. Das eine kann da sein, ohne dass das andere folgt, und wenn du über Monate oder Jahre hinweg in einem Modus gelebt hast, in dem du funktioniert, organisiert, vorausgedacht und für alles eine Lösung parat gehabt hast, dann ist dieser Zustand der wachen Bereitschaft für dein System nicht die Ausnahme geworden, sondern die Normalität, der Grundton, von dem aus es die Welt liest.

Stell dir einen Wasserball vor, den jemand den ganzen Tag unter Wasser gedrückt hält, mit Kraft, mit Anspannung, mit ständiger Aufmerksamkeit, damit er bloß nicht hochkommt, und dann, am Abend, lässt die Hand los, und du würdest erwarten, dass der Ball einfach ruhig an der Oberfläche treibt, aber stattdessen schießt er nach oben, unkontrolliert, weil so viel Druck dahinter war; und genau so ist es mit der Anspannung, die du tagsüber niederhältst, damit du funktionierst: sie verschwindet nicht, wenn es ruhig wird, sie wird in dem Moment erst spürbar.

Das innere Surren, das du am Abend bemerkst, ist deshalb kein Zeichen dafür, dass mit dir etwas nicht stimmt, sondern eher ein verspätetes Echo von allem, was du den Tag über getragen hast, ohne es dir anmerken zu lassen, und es zeigt sich gerade jetzt, in der Stille, weil vorher schlicht kein Raum dafür war, weil du beschäftigt warst, weil das Funktionieren die Anspannung überdeckt hat wie ein Geräusch ein anderes überdeckt.

Es gibt diesen Satz, den viele Frauen in genau deiner Situation zu sich selbst sagen, halb resigniert, halb fordernd: „jetzt entspann dich doch endlich mal”, und ich glaube, dass dieser Satz selten hilft, weil Entspannung sich nicht befehlen lässt, weil dein System Sicherheit nicht über einen Vorsatz herstellt, sondern über das langsame, wiederholte Erleben, dass es gerade wirklich nichts zu bewachen, nichts zu lösen, nichts vorauszudenken gibt.

Und vielleicht ist es weniger eine Frage davon, dass du es endlich schaffen müsstest, abzuschalten, als vielmehr eine Frage davon, dass dein System bisher kaum Gelegenheit hatte, die Erfahrung zu machen, dass Ruhe ungefährlich ist, dass nichts passiert, wenn du kurz nicht aufpasst, dass die Welt nicht zusammenbricht, wenn du den Motor für einen Moment auslaufen lässt, denn diese Erfahrung lässt sich nicht denken, sie muss sich einstellen, langsam, über viele kleine Male.

Es ist außerdem gut möglich, dass das Gefühl, nicht runterzukommen, eng damit verbunden ist, dass du sehr lange sehr verlässlich warst, für andere, für deine Aufgaben, für alles, was getragen werden musste, und dass dein Nervensystem die Daueranspannung gewissermaßen als Preis dafür verbucht hat, dass alles hält; in dieser Logik wäre Loslassen nicht Erholung, sondern ein Risiko, und genau deshalb wehrt sich etwas in dir gegen die Ruhe, obwohl du sie dir so sehr wünschst.

Ich erzähle dir das nicht, damit du dir nun eine weitere Aufgabe daraus machst, „dann muss ich meinem Nervensystem eben Sicherheit beibringen”, sondern damit du dich, wenn du das nächste Mal am stillen Abend dieses Surren bemerkst, ein wenig anders ansiehst: nicht als jemand, der versagt, weil er nicht entspannen kann, sondern als jemand, dessen System über lange Zeit gelernt hat, wach zu bleiben, und das nun verständlicherweise nicht von einem Moment auf den anderen umlernt.

Wenn du magst, kannst du das nächste Mal, wenn die Ruhe da ist und das Surren mit ihr, einfach nur bemerken, dass es da ist, ohne es wegmachen zu wollen, nicht als Technik, sondern als ein erstes, leises Zugeständnis an dich selbst, dass dieser Zustand einen Grund hat und dass du ihn nicht gegen dich verwenden musst.

Falls du tiefer verstehen möchtest, was dieses Wachbleiben über Jahre mit deinem Körper macht, lies als Nächstes in den Text über innere Unruhe hinein, in dem es genau um diesen Zustand des Nichtzurruhekommens in der eigentlichen Ruhe geht.

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